Eine ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung

3. Januar 2011 1 Kommentar

Es ist nur ein ganz kurzer Moment. Alle Zeiger der Uhren schieben sich entschlossen übereinander und zeigen ziemlich steil nach oben. Glocken läuten, Paare schauen sich tief in die Augen, als ob sie sich noch nie gesehen hätten. Langjährige Freunde umarmen sich, als hätten sie sich nach Jahren der Verbannung ganz plötzlich wiedergetroffen. Dabei haben sie nur Minuten vorher an einer gemeinsamen Tafel gesessen. Die lieben Nachbarn stoßen so versöhnlich und verständnisvoll mit Sekt an, als hätten sie sich noch nie etwas zu heftig über unsinnige Kleinigkeiten gestritten. Alles hört auf das Diktat des Datums. Ist das Fest, das wir an Silvester feiern, eine Banalität? Was feiern wir eigentlich an der Wasserscheide zwischen zwei Jahren?

Der Mensch liebt Nahtstellen und Kanten. Wir schauen am liebsten vom einen auf das andere. Vom ruhigen Strand auf die tobenden Wellen, von der hohen Klippe auf das tiefe Meer, von den Bergen auf das Tal, vom Café auf die Straße, vom Tisch auf die Tanzfläche, von drinnen nach draußen. An Silvester schauen wir vom alten Jahr auf das neue Jahr. Hinter uns liegen – etwas unansehnlich – all die zu Wirklichkeit geronnenen Möglichkeiten. Abgearbeitet, durchdekliniert – oder verpasst. Aber vor uns liegen die verlockenden, glitzernden, noch originalverpackten Möglichkeiten des neuen Jahres. Was für eine herrliche Aussicht!

Es soll alles besser werden in unserem Leben. Ja, es wird alles besser, ganz sicher. Aber was eigentlich genau? Ganz oben auf der Liste mit den Versprechen an sich selbst steht in diesem Land, sich in diesem Jahr weniger dem Stress des Alltags auszusetzen. Die Deutschen fühlen sich nicht so richtig gut, wenn es nach den aktuellen Umfragen geht. Eher etwas abgespannt, latent überfordert, häufig etwas kränklich, unwohl und ängstlich. Denn nach dem dringendsten Wunsch nach Stressabbau folgen gleich Vorsätze wie mehr Sport zu treiben und weniger vor dem Fernseher oder Computer zu sitzen. Wir wollen uns unbedingt wohler fühlen 2011. Mehr schlafen, weniger rauchen und viel weniger trinken. Darauf ein Glas Champagner. Morgen geht es los. Ganz bestimmt. Prost.

All die guten Vorsätze sind unsere persönliche Unabhängigkeitserklärung. Wir trauen uns etwas zu. Auch wenn wir all die Versprechen später nicht einhalten können. Das ist nicht so wichtig, denn wir spüren zum Jahreswechsel ganz deutlich, dass wir tatsächlich in der Lage sind, unser Leben zu ändern. Einfach so. An Silvester und in jedem anderen Moment unseres Lebens. Niemand muss uns helfen, wir sind Herr unserer Wege und unserer Taten und voller Kraft. In jeder Minute, jeder Sekunde.

Für unser ganz persönliches Glück gibt es kein Antragsformular. Keine Behörde, keine Fürsorge, kein Gesetz, kein Politiker kann uns helfen. Wir müssen uns selbst aufraffen, in ein Fitnessstudio zu gehen, unsere Lieblingsserie nur noch im englischen Original zu schauen oder eine Runde durch den Wald zu laufen und uns mehr um unsere Familien zu kümmern. Oder einfach mal unser ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, weil es nicht mehr so richtig zu uns passt. Das müssen wir leider selbst regeln. Unser Glück hängt nämlich nicht von den Ergebnissen unseres Lieblingsclubs, Atomtransporten, Wikileaks-Veröffentlichungen oder tiefer gelegten Bahnhöfen im Schwäbischen ab. Diese Erkenntnis schmerzt, doch in der magischen Silvesternacht haben wir uns alles aus vollem Herzen zugetraut. Erinnern Sie sich?

Und noch viel mehr. An Silvester haben wir niemanden für unser bisheriges Leben, das oft aus vielen ungesunden Kompromissen besteht, verantwortlich gemacht. Keine guten Gründe für unsere schlechten Angewohnheiten angeführt. Nur uns selbst.

Es mag etwas ernüchternd sein, vielleicht schon heute, am zweiten Tag des Jahres, zu erkennen, dass die vielen guten Vorsätze im richtigen Leben erhebliche Mühe machen. Es lässt sich nicht alles durchhalten. Die genialen Zeichentrick-Autoren der „Simpsons“ haben diese schmerzhafte Erkenntnis ihrem Charakter Homer Simpson in den Mund gelegt: „Wenn man im Leben etwas erreichen will, muss man etwas dafür tun. Darf ich um etwas Ruhe bitten? Jetzt kommen die Lottozahlen.“

Macht gar nichts, lieber Homer, liebe Leser. In der Silvesternacht feiern wir unsere Souveränität, unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung, unsere ganz persönliche Unabhängigkeit. Wir spüren ein einmaliges, optimistisches Klopfen in der Brust. Wir wissen, dass wir alles schaffen können. Das ist das herrliche Silvester-Gefühl – und dieses Gefühl sollte uns durch dieses kostbare, wundervolle, neue Jahr 2011 tragen.

Leitartikel der Welt am Sonntag vom 2. Januar 2011

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„Herrlich, Heinzi!“ – Heimat Hamburg

Es sind diese klaren, hellsichtigen Momente, die es nur hier gibt. Und man muss schon sehr auf der Hut sein, wenn man Hamburg als Besucher nicht verpassen will. Einen Hauch der Seele dieser Stadt spürt, wer vom Wege abkommt – wer in das Kleingedruckte stolpert. Zwischen die großen Schlagzeilen. Hinein! Folgen Sie mir zu unmöglichen Zeiten an unwirtliche Orte, um mein Hamburg zu suchen.

Steigen Sie an einem sehr kalten Sonntagmorgen sehr früh in Langenhorn-Markt aus der U-Bahn. Unter dem blauen Himmel läuten in der Ferne Kirchenglocken. Die raureifen Straßen sind frei. Nur ein Bus ohne Passagiere fährt ins Nirgendwo. Der Atem kondensiert still zu weißen Wölkchen. Machen Sie sich auf den Weg, schlendern Sie an den schlafenden Reihenhäusern vorbei und suchen Sie einen Sportplatz in der Nähe. Es muss ein hart gefrorener Grandplatz sein. Kein Rasen. Und dann schauen Sie mit ein paar anderen Kiebitzen der zweiten Herrenmannschaft beim 0:1 gegen Poppenbüttel zu.

Jeder Zuschauer hat seinen Stammplatz. Seit Jahren. Wir sehen praktische, warme Jacken in gedeckten Farben. An einem „langen Samstag“ bei P&C in der Mönckebergstraße gekauft. Kaum Mützen. Der Kopf muss klar bleiben. Auch sehr frische Luft kann niemals schaden. Alles etwas penibel, aber piekfein. Wir hören freundliche Frotzeleien, nur wenige gedämpfte Gespräche. Viel Schweigen. Hände stecken tief in den Taschen. „Den musst du haben, min Jung“, lautet der gemurmelte Kommentar zum ärgerlichen Gegentreffer, bei dem der eigene Torhüter nicht so richtig gut aussah. Ein paar sparsame Lacher. Hinterher gibt es im etwas klammen Vereinsheim ein kleines Bier zum Aufwärmen und dann geht’s an den heimischen Mittagstisch in die Siedlung. Bis nächsten Sonntag. Kein langer Abschied von den Sportfreunden. Tschüß.

Zurück in die Stadt geht es per U-Bahn in Richtung St. Pauli. Zur Mittagszeit haben Sie freien Blick auf alle Einzelheiten, die abends im Licht der bunten Reklame verschwinden. Schauen Sie hinter die trüben Scheiben. Der Imbisswirt an der Talstraße fegt Pommesreste vom Tresen auf den Fußboden, auf dem Hocker an der Garderobe schläft ein Mann. Neben ihm steht auf einem schmalen Brett an der Wand ein halb getrunkenes Astra. Niemand hat etwas dagegen. Beide dürfen bleiben. In einem sehr beliebten, türkischen Dönerrestaurant wird pausenlos Tee serviert. Die jungen Gäste sitzen gemütlich auf großen Kissen an den Fenstern oder auf Holzbänken und essen sich fleischlos glücklich. Gleich um die Ecke hat sich John Lennon 1961 in der Einfahrt der Jägerpassage von seinem Hamburger Bekannten Jürgen Vollmer fotografieren lassen. Das berühmte Cover seiner Platte „Rock’n’roll“ ist viele Jahre später daraus entstanden. Nichts weist heute mehr darauf hin.

Lassen Sie sich durch die Gassen treiben. Stellen Sie sich für ein Bier an die Tresen der schmalsten, dunkelsten Kneipen. Ein paar Stufen runter, in eine andere Welt. Oft sind das die Treffpunkte der einsamen Seelen: ewig Durstige, Matrosen ohne Schiff, Weltverbesserer, denen irgendwann die Welt abhanden gekommen ist, Zecher ohne Zeche, Arbeiter ohne Arbeit, Haltlose, Suchende, Verlorene. Mit einer mütterlichen Mischung aus Herz und Strenge führt die erfahrene Tresenkraft diese verwegene Mischung durch ewige Tag- und Nachtgleichen aus zu viel Nikotin, zu viel Alkohol und zu oft erzählten Geschichten. „Ist ja nur noch wie Bauklötze spielen, unten im Hafen. Sitzen da auf ihren Kränen und drücken Knöpfe. Ist doch wahr. Machst mir noch einen, min Deern?“

Und dann geht es zur blauen Stunde an die Elbe. Nein, nicht Landungsbrücken. Veddel! Die andere Seite. Ein unüberschaubares Gewimmel aus Schuppen, Gleisen, verrotteten Kaianlagen, Parkplätzen für Container. Nur Menschen sieht man selten. Das Wasser wirkt wie flüssiges Blei, es riecht nach Diesel und Meer. Seemannsluft. Zwischen den Ritzen der Uferbefestigung bahnt sich das Unkraut seinen Weg. Ein paar alte Kräne warten wie längst vergessenes Spielzeug auf Schiffe, die hier nie wieder anlegen werden. Streifen Sie durch Straßen, die Australiakai, Afrikastraße und Am Kamerunkai heißen. Schuppen 50 ist zum Hafenmuseum ausgebaut worden. Eine bunte Versammlung von seltsam fremden Utensilien, mit denen noch vor 50 Jahren täglich gearbeitet wurde. Am Kai liegt die „Bleichen“. Ein ehemaliger Kapitän führt Besucher bis in die letzten Winkel des Frachters, der sogar mal Eisbären transportiert haben soll. Jetzt die enge Stiege zum Maschinenraum runter: „Vorsicht mit dem Kopf, Kinnings!“ Zur Belohnung gibt es später passable Bockwurst, grandiosen selbst gebackenen Kuchen und Kaffee an der „Klappe“ – eine Klappe in der Wand, aus der die wortkarge Wirtin im Winter auch mal einen gefährlich steifen Grog reicht. Eine ältere Dame nippt vorsichtig am Heißgetränk und wird gesprächig, weil ihr Mann sich „nicht so fühlt“: „Er wollte ja partout noch einen. Und nu’ ist ihm maddelig.“ Nach dem zweiten Drink ist es Zeit zu gehen. „Tschüßing! Macht das man gut.“

Zurück geht es in die Stadt. Mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof-Nord – „Zurückbleiben, bitte!“ – dann ein kurzer Weg über die Straße zum Traditionslokal Nagel an der Kirchenallee. Jeder Besucher wird so hart aber herzlich umsorgt, als wäre er gerade mit Skorbut von einer anstrengenden, zweijährigen Schiffsreise durch alle sieben Weltmeere zurückgekehrt. „Wünschen die Herren auch zu speisen?“ Rollmops. Mettwurstbrot mit Salatgarnitur. Eingelegter Brathering. Da weht dann auch mal ein rauer Wind durch die rustikale Gaststube, wenn ein Kunde ein paar Lütte zu viel hat – und eine Spur zu vorlaut wird. „Tüdelbüdel! Sieh ma’ zu, dass du Land gewinnst.“ Eine kunterbunte Mischung aus Touristen, Eingeborenen und Kellnern, die in ihrem Berufsleben alles gesehen haben, sorgt für beste Unterhaltung. Hier wird noch Krawatte mit Hamburg-Wappen getragen. „Darf ich den Herren vielleicht noch einen Weinbrand Nagel Hausmarke empfehlen?“ Kommt im ultraflachen, traditionellen Weinbrandglas. Prösterchen.

Jetzt geht es wieder ans Wasser. Auf dem Weg vom U-Bahnhof Klosterstern zur Alster liegen im schönsten Teil von Eppendorf und Harvestehude genau die weißen Villen, von denen man ein Leben lang träumt. Niemand hat Gardinen vor den Fenstern. Hier ist offenbar nichts geheim. Man lebt der restlichen Welt ungeniert sein großbürgerliches Leben vor, hat sehr viele Bücher in den endlosen, weißen Regalen, einen riesigen Esstisch für die große Familie, weiße Sofas und einen schwarzen Wagen vor der Haustür. Wer hier wohnt, wird ein Leben lang bleiben. Diese Häuser werden höchstens vererbt, niemals verkauft. Die Lebensart auch. Dahinter liegen in uneinsehbaren Gärten schicke Kanus. Direkt an den malerischen Kanälen, auf denen im Winter Schlittschuh gefahren wird und durch die gerade mal ein Alsterdampfer passt, wenn er sich schlank macht. Der Weg führt weiter über die Krugkoppelbrücke zum Leinpfad. Vielleicht die schönste Straße der Stadt. Für den ganz späten Durst oder Hunger gibt es nur einen Ort. Die Taubenstraße auf St. Pauli. Links die Tankstelle, die alles verkauft – hin und wieder auch mal Benzin. Rechts der legendäre Chinese „Man Wah“, der auch noch um vier Uhr morgens warmen Sake für wunde Mägen serviert. Dazu die Empfehlung des Hauses zum Wegknuspern: Ententatzen. „Herrlich, Heinzi!“

Erschienen in der „Welt“, am 4. 12. 2011 in der Serie Heimat

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November in Steglitz

16. November 2010 1 Kommentar

Die Straßen in Steglitz sind feucht vom November. Die Autobahnauffahrt saugt gierig die monströse Autoschlange auf, um sie an den Ausfahrten nahe dem Berliner Zentrum angewidert wieder auszuspucken. Unter dem Gewimmel der optimistischen Straßenkonstruktion aus den 70er-Jahren, im ewigen Halbdunkel, hält sich seit Jahren eine Kaffeestube. Ohne tiefe Ohrensessel, ohne Latte, ohne Macchiato.

Die Warmhaltekannen brutzeln hinter dem Tresen, dazu werden Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln und Zigaretten gereicht. Mit dem gütigen Gesichtsausdruck einer mütterlichen Krankenschwester versorgt die Tresenkraft ihre schweigende Kunden mit Koffein. Eine hochwirksame Medizin, mit der dann in freundlicher Zusammenarbeit mit Nikotin still und konzentriert der Wochenanfangsblues aus den Klamotten geschlürft wird.

Hier versammeln sich Menschen, die Dinge erledigen. Die Männer von der Stadtreinigung bringen den Müll um die Ecke. Die Briefträger den Brief. Der Verkäufer aus dem Zeitschriftenladen von gegenüber hält mit seinem bunten Bauchladen von Dienstleistungen die Nachbarschaft zusammen. Die Hausfrau mit ihren prall gefüllten Einkaufstüten versorgt die Familie mit Nahrung und Verlässlichkeit. Das Wendland und die Castoren sind so weit weg wie das Sonnensystem Gliese 581. Die Talkshow von Anne Will am Vorabend hat auch niemand gesehen.

Dann flattert eine Gruppe von Schülern aufgeregt in den Imbiss. Wie ein Schwarm angriffslustiger Möwen versorgt man sich mit Schokoriegeln, Cola und Pommes. Der Briefträger verdreht die Augen. Die ersten beiden Stunden am Montag sind mal wieder ausgefallen. Die Turnhalle ist gesperrt, weil das Licht nicht funktioniert. Wo ist die Bildungsoffensive, wenn man sie braucht?

Zwischen dem reißenden Strom auf den Straßen, den Wirrungen und Irrungen der unübersichtlichen Stadt, den Thesen, Büchern, Talkshows, Agenturmeldungen, Interviews, Stellungnahmen, Fußnoten, Kommentaren, Tweets, Debatten und Einlassungen befindet sich hier die letzte Oase der Unentschiedenheit. Niemand will glänzen, Wählerstimmen sammeln, punkten, etwas verkaufen, das Publikum ansprechen, siegen um jeden Preis. Immer wieder verblüffend. Ich zahle 1,10 Euro für diese unbezahlbaren Minuten und mache mich furchtlos auf den Weg in das Zentrum des ganzen Wahnsinns.

Demokratie kann anstrengend sein

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Während sich die Menschen im Wendland frierend und hungernd an den Schienenkörper ketten und sich die Nächte um die Ohren schlagen, verbringe ich meinen Feierabend gemütlich auf dem Sofa. In den Talkshows gibt es dafür die Quittung.
Mit vor Rechtschaffenheit bebender Stimme erklären die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, und viele andere die Demonstranten quasi zu den letzten aufrechten Demokraten der Republik. Ohne Rücksicht auf persönliche Unannehmlichkeiten würden sie trotz der extremen Witterungsbedingungen, der aggressiven Polizei und der ignoranten Regierung für uns alle und für die gute Sache und überhaupt für unsere Demokratie kämpfen.
In einer großen deutschen Zeitschrift kommen zu diesem Thema ein paar dieser aufrechten Kämpfer für das Gute zu Wort. Die Politik sei inzwischen „völlig abgehoben von der Realität“, heißt es da. Eine Lehrerin ärgert sich über die „Arroganz der Politik“ und wünscht sich, dass „alle, die mit dieser Politik nicht einverstanden sind, auf die Straße gehen“. Ein Vater hat seinen 13-jährigen Sohn mit nach Gorleben genommen, weil ihm klar geworden sei, dass man „den Protest auf die Straße tragen“ solle.
Vielleicht sollte dieser gute Mann seinem Sohn vorher noch schnell erklären, wie der politische Willensbildungsprozess in unserer Demokratie auch funktionieren könnte. Die Meinungen und Wünsche vieler Menschen werden in Deutschland von Parteien oder Verbänden zum Ausdruck gebracht, die dazu beauftragt wurden, und von politischen Einrichtungen wie Parlamenten mit anderen Zielen und Interessen zusammengefasst, um schließlich politisch darüber zu entscheiden. Wenn es Mehrheiten dafür gibt.
Es hat natürlich nicht ganz den revolutionären Glamour und die überragende mediale Beachtung, wenn bei Parteiveranstaltungen im Hinterzimmer einer Gaststätte über die Umgehungsstraßen oder Öffnungszeiten der Bücherei in der kleinen Gemeinde diskutiert wird. Außerdem muss man sich hier dauernd mit anderen Meinungen auseinandersetzen. Die Sachverhalte sind kompliziert, viele Interessen müssen berücksichtigt werden. Aber das ist Politik. Das ist Demokratie. Und sie ist ganz dicht dran an den Menschen. Jede Woche, jeden Tag in Deutschland. Und jeder kann dabei sein, um später vielleicht Mehrheiten für seine Anliegen zu bekommen.
Natürlich ist es viel einfacher und macht sicher auch viel mehr Spaß, mit ganz vielen Gleichgesinnten und feierlichem Ernst ins Wendland zu fahren. Alle sind sich einig. Es gibt einen gemeinsamen Gegner. Die Welt ist fein säuberlich sortiert in Gut und Böse – wie in einem schlechten Western. Keine Frage: Auch Demonstrationen sind wichtig für den politischen Willensbildungsprozess in Deutschland. Aber nicht jeder gute Demokrat muss unbedingt ein Demonstrant sein.

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Die Freiheitsmaschine

25. Oktober 2010 1 Kommentar

Haben Sie auch das Gefühl, dass sich die Welt immer schneller dreht? Wird Ihnen davon schwindelig? Uns erreichen immer mehr Informationen, immer mehr Daten. Ein ständiges Rauschen, ein nie versiegender Strom von Emails, Textnachrichten, Anrufen. Den ganzen Tag. Ohne Pause. Woche für Woche. Jahr für Jahr. Und dann auch noch die unheimliche Macht des Internets mit seinen ständigen Versuchungen: Blogs, Netzwerke, Chatrooms, Diskussionsforen. Allergrößtes Ablenkungspotenzial? Und eine große Herausforderung. Wer soll das alles beherrschen? Wer soll sich noch auskennen? Früher hatte man doch noch Auszeiten. Oder? Ein paar Stunden am Tag ohne Telefon, weil es noch keine Handys gab. Ein paar Wochen Urlaub ohne ständige Erreichbarkeit. Jetzt hängen wir doch alle an der langen Leine des Büros, der Familie, der Eltern. Ängstliche Fragen: Werden wir längst von den Umständen beherrscht? Reagieren wir nur noch? Sind wir nicht mehr Herr unserer Entscheidungen? Wird unser Gehirn verkümmern? Wird unsere Freiheit immer mehr eingeschränkt?

Keine Angst! Ich kann Sie an beruhigen. Glauben Sie kein Wort davon. Auch wenn es mittlerweile Dutzende Bücher und Magazinbeiträge und Titelgeschichten gibt, die vor den vielfältigen Gefahren des Informationszeitalters warnen. Da gibt es gefährliche Viren, die unsere Computer kaputt machen. Mit Phishing-Atacken werden unsere Bankkonten ausgespäht und abgeräumt. Das ganze Netz ist voller Gewalt, Sex und politischem Wahnsinn. Es drohe Spielsucht, Internetsucht, Vereinsamung oder wenigstens eine ungeheure Zeitverschwendung. Die Datensammelwut der Behörden und Soziale Netzwerke machen uns zu gläsernen Bürgern. Und Computer führen jetzt sogar Kriege. Woher kommt die Tendenz – besonders in Deutschland – den technischen Fortschritt häufig nur als Risiko und Ungemach zu sehen? Sogar als Gefahr für unsere bürgerlichen Freiheiten.

Dabei erleben wir gerade eine technische Revolution, die die weltweite Kommunikation und damit unser gesamtes Leben dramatisch verändern und meistens verbessern wird. Wir sind zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit in der Lage, mit allen anderen Menschen auf diesem Planeten in Echtzeit zu kommunizieren. Solange sie im Besitz eines Computers sind. Aber wir reden häufig nur über die nervende, blinkende Lampen, die anzeigen, dass sich schon wieder ein paar neue Emails, Tweets oder Blogeinträge im Postfach befinden. Und über unser Unwohlsein durch all die anderen störenden, digitalen Herausforderungen. Woher kommt dieses Selbstmitleid, diese Wehleidigkeit?

In Wahrheit dreht sich die Welt gar nicht schneller. Wir bekommen nur sehr viel mehr davon mit, was auf dieser Welt passiert. Und das ist doch ein großer Fortschritt. Wir erleben gerade, wie die Realität Stück für Stück in der digitalen Welt abgebildet wird. Das kann schon schwindelig machen. Städte, Straßen und Häuser sind in Google Streetview sichtbar. Menschen und Freundschaften finden ihre Repräsentation auf Facebook und in anderen Sozialen Netzwerken. Unsere digitalen Freunde sind durch unsere Smartphones immer bei uns. Reale Orte werden in Diensten wie Foursquare zu digitalen Orten. Bücher, Zeitungen, Magazine, Bilder, Musik – alles findet seine digitale Entsprechung und wird damit auch universell verfügbar. Das virtuelle Netz, das sich wie ein feiner Schleier über die reale Welt legt, wird von Sekunde zu Sekunde dichter. Und wir alle wirken daran mit.

Das Internet ist für jeden leicht zu beherrschen. Bereits Kinder sind dazu in der Lage. Lehrer übrigens leider oft nicht. Mit dem Internet halten wir ein mächtiges, ein dramatisches Instrument in unseren Händen. Jeder Mensch ist mit jedem Menschen auf dieser Erde verbunden. Jeder kann mit jedem kommunizieren. In Wort, Bild, Video, Musik oder Kunst. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, der restlichen Menschheit seine Gedanken, Ideen und Vorstellungen mitzuteilen. Nebenbei steht uns das gesamte Weltwissen in Sekundenbruchteilen zur Verfügung. Es unterstützt uns dabei, bessere Entscheidungen zu treffen. Ein Klick genügt. Das war noch vor wenigen Jahren unvorstellbar.

Das ist die gute Nachricht: Das Internet macht uns zu freieren Menschen. Die Freiheit des Willens beruht auf der Fähigkeit, vor dem Handeln innezuhalten und zu überlegen, was man in der jeweiligen Situation tun sollte, welche Gründe für die eine oder andere Alternative sprechen. Das schreibt der englische Philosoph John Locke. Je mehr Informationen uns zur Verfügung stehen, desto freier werden wir also in unseren Entscheidungen sein. Noch nie in der Menschheitsgeschichte standen dem einzelnen Menschen mehr Informationen zur Verfügung. Ungeachtet seines Standes oder seines Reichtums. Fangen wir an, diesen Umstand zu genießen. Eine schlechte Nachricht gibt es allerdings auch: Freiheit ist anstrengend. Freiheit geht uns auf die Nerven, weil sie uns fordert. Weil sie uns verantwortlich macht für unsere Handlungen und Entscheidungen. Wie viel einfacher ist es, einfach alles so zu erledigen, wie es uns jemand vorschreibt, als selber verantwortlich Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Um uns aus dem Strom des unendlichen digitalen Rauschens die wichtigen Informationen zu klauben, müssen wir allerdings aktiv werden. Es gibt zahllose Filtermechanismen, die das zuverlässig erledigen. Die muss man kennen und benutzen. Das ist anstrengend. Und diese nervöse, kleine Lampe, die anzeigt, dass eine neue Email eingetroffen ist, kann man übrigens auch abstellen. Ganz einfach.

Lernen wir also, das Internet als Instrument unserer persönlichen Freiheit zu nutzen. Gestalten wir aktiv die unendlichen Möglichkeiten. Stellen wir uns den Herausforderungen. Wir müssen lernen, wie es funktioniert, denn das Netz wird nie wieder verschwinden. Egal, wie sehr wir uns nach den guten, alten, ruhigen Zeiten sehnen. Wir werden nie wieder in Ruhe gelassen. Windstille Inseln im schäumenden Meer der unendlichen Datenströme müssen wir uns selber schaffen. Was wäre die Alternative? Auf Netz, Emails, Facebook und iPhone verzichten? Da draußen einfach alles klingeln, rauschen, flimmern und blinken lassen? Rückzug ins Private, Kapitulation – für einige vielleicht eine lebenswerte Variante. Bezahlt mit dem Verzicht auf persönliche Freiheit und der Möglichkeit, Dinge zu verändern. Die Welt da draußen dreht und bewegt sich nämlich auch dann weiter, wenn wir nicht hinsehen. So wie wir weiter Steuern zahlen müssen, wenn wir die Briefe vom Finanzamt einfach in den Papierkorb werfen. Es soll sogar hin und wieder Emails geben, die von einem freundlichen Absender stammen, der einen Anspruch auf eine schnelle, persönliche Reaktion hat.

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Basic fragt Schmiechen

Robert Basic bemerkt zurecht, dass an diesem Platz zuletzt etwas wenig los war. Na dann stelle ich zumindest mal das Interview, das er mit mir geführt hat, hier hin.

1. Stell Dich bitte kurz unseren Lesern vor:
Mein Name ist Frank Schmiechen. Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich für die Zeitung. Vom Austräger, Sportreporter, Produktionsredakteur, Plattenkritiker, Art Director bis zum Chef vom Dienst bei Bild habe ich alles gemacht. Meine derzeitige Position ist Stellvertretender Chefredakteur der WELT-Gruppe.

2. Was hältst Du von der Google Street View Debatte?
Mich ermüdet die Debatte. Es gibt wichtigere Themen. Die Menschen müssen sich damit abfinden, dass jeder Bereich des realen Lebens in Zukunft eine digitale Entsprechung haben wird. Da kann man gegen demonstrieren, man auch Angst davor haben, aber man kann es nicht aufhalten. Und es ist auch gar nicht so schlimm. Und warum kommt eigentlich niemand in Deutschland auf solche tollen Geschäftsideen?

3. Siehst Du eine Zunahme der Netzthemen, die von Politik und Medien für die breiten Öffentlichkeit aufgegriffen werden?
Auf alle Fälle. Netzthemen durchdringen immer mehr unser tägliches Leben. Das schlägt sich in der Berichterstattung der Medien und in der Politik nieder.

4. Könntest Du Dir eine eigene Facebook Zeitung vorstellen?
Ja.

5. Wenn ja, wie würde diese aussehen? Ganz anders als herkömmliche Zeitungen?
Ja. Es müssten persönliche Geschichten von Menschen sein, die durch Facebook verbunden sind. Dazu, vielleicht in der Art von Nachrichten, Geschichten und News, die am häufigsten verlinkt wurden.

6. Letzte Frage: Was reizt Dich an Deinem Job so sehr?
Die kreative Freiheit. Die intelligenten und netten Kollegen. Der drohende Andruck. Das Spiel mit der Sprache. Einfach alles.

Danke für das Gespräch, Frank.

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Was für ein Sommer

Für diesen Kommentar in der heutigen WELT muss ich in den Kommentaren auf Welt Online richtig Prügel einstecken. Hätte ich lieber von meiner tiefen Betroffenheit und der inneren Einkehr schreiben sollen?

Wie sollen wir bloß mit ihm zurechtkommen – mit diesem Sommer 2010? Während sich Deutschland fast vollzählig und fröhlich vor dem WM-Fernseher versammelt, flutet im Hintergrund ein offenbar nicht zu stopfendes Loch den Golf von Mexiko mit Öl. Die Ölpest vor Chinas Küste scheint dieses katastrophale Ausmaß noch zu übertreffen.

Während wir optimistisch die aufmunternden Konjunkturzahlen aus der deutschen Wirtschaft genießen, scheint der Rest der Welt in apokalyptischen Wassermassen zu versinken. 15 Millionen Menschen sind in Pakistan von der Naturkatastrophe betroffen. Auch in Indien steigt täglich die Zahl der Opfer. In Sachsen verschlimmert sich die Hochwassersituation. Drei Menschen sterben in ihrem Keller.

Für diesen Kommentar in der heutigen WELT habe ich mir richtig Prügel in den Kommentaren uf Welt Online abgeholt. Vielleicht hätte ich doch lieber von tiefer Betroffenheit und innerer Einkehr schreiben sollen. Aber ich wollte ja bei der Wahrheit bleiben…

Während sich in Deutschland drei Viertel der Menschen von den Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise nicht betroffen fühlen, brennen in Russland die Wälder, der Weizen und sogar die torfigen Böden. Der giftige Qualm zieht bedrohlich über den Roten Platz in Moskau.

Und während viele Deutsche an den Stränden oder in den Bergen ihren Urlaub genießen, werden in Afghanistan christliche Helfer und Ärzte von den Taliban ermordet. Und in Duisburg sterben 21 junge Leute auf der Loveparade, viele werden verletzt.

Ein Foto aus Regensburg führt uns den Zwiespalt dieses Sommers vor Augen: Fröhliche Menschen sitzen in einem Biergarten und genießen ihren freien Samstag. Ein paar Meter hinter ihnen gurgeln, nur durch einen Damm getrennt, die Wassermassen der Hochwasser führenden Donau. Sie lassen sich nicht stören, unterhalten sich, trinken ihr Bier, lachen, scherzen.

Menschen sind in der Lage, negative Gedanken und Gefühle auszublenden. Sie nehmen die Krisen, Katastrophen und Desaster zur Kenntnis – und können im nächsten Augenblick zur Tagesordnung übergehen. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Denn nur mithilfe dieser Kraft kommen wir mit ihm zurecht – mit diesem ungewöhnlichen Sommer 2010.

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