Startseite > Uncategorized > Demokratie kann anstrengend sein

Demokratie kann anstrengend sein

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Während sich die Menschen im Wendland frierend und hungernd an den Schienenkörper ketten und sich die Nächte um die Ohren schlagen, verbringe ich meinen Feierabend gemütlich auf dem Sofa. In den Talkshows gibt es dafür die Quittung.
Mit vor Rechtschaffenheit bebender Stimme erklären die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, und viele andere die Demonstranten quasi zu den letzten aufrechten Demokraten der Republik. Ohne Rücksicht auf persönliche Unannehmlichkeiten würden sie trotz der extremen Witterungsbedingungen, der aggressiven Polizei und der ignoranten Regierung für uns alle und für die gute Sache und überhaupt für unsere Demokratie kämpfen.
In einer großen deutschen Zeitschrift kommen zu diesem Thema ein paar dieser aufrechten Kämpfer für das Gute zu Wort. Die Politik sei inzwischen „völlig abgehoben von der Realität“, heißt es da. Eine Lehrerin ärgert sich über die „Arroganz der Politik“ und wünscht sich, dass „alle, die mit dieser Politik nicht einverstanden sind, auf die Straße gehen“. Ein Vater hat seinen 13-jährigen Sohn mit nach Gorleben genommen, weil ihm klar geworden sei, dass man „den Protest auf die Straße tragen“ solle.
Vielleicht sollte dieser gute Mann seinem Sohn vorher noch schnell erklären, wie der politische Willensbildungsprozess in unserer Demokratie auch funktionieren könnte. Die Meinungen und Wünsche vieler Menschen werden in Deutschland von Parteien oder Verbänden zum Ausdruck gebracht, die dazu beauftragt wurden, und von politischen Einrichtungen wie Parlamenten mit anderen Zielen und Interessen zusammengefasst, um schließlich politisch darüber zu entscheiden. Wenn es Mehrheiten dafür gibt.
Es hat natürlich nicht ganz den revolutionären Glamour und die überragende mediale Beachtung, wenn bei Parteiveranstaltungen im Hinterzimmer einer Gaststätte über die Umgehungsstraßen oder Öffnungszeiten der Bücherei in der kleinen Gemeinde diskutiert wird. Außerdem muss man sich hier dauernd mit anderen Meinungen auseinandersetzen. Die Sachverhalte sind kompliziert, viele Interessen müssen berücksichtigt werden. Aber das ist Politik. Das ist Demokratie. Und sie ist ganz dicht dran an den Menschen. Jede Woche, jeden Tag in Deutschland. Und jeder kann dabei sein, um später vielleicht Mehrheiten für seine Anliegen zu bekommen.
Natürlich ist es viel einfacher und macht sicher auch viel mehr Spaß, mit ganz vielen Gleichgesinnten und feierlichem Ernst ins Wendland zu fahren. Alle sind sich einig. Es gibt einen gemeinsamen Gegner. Die Welt ist fein säuberlich sortiert in Gut und Böse – wie in einem schlechten Western. Keine Frage: Auch Demonstrationen sind wichtig für den politischen Willensbildungsprozess in Deutschland. Aber nicht jeder gute Demokrat muss unbedingt ein Demonstrant sein.

Advertisements
Kategorien:Uncategorized
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: