Startseite > Uncategorized > „Herrlich, Heinzi!“ – Heimat Hamburg

„Herrlich, Heinzi!“ – Heimat Hamburg

Es sind diese klaren, hellsichtigen Momente, die es nur hier gibt. Und man muss schon sehr auf der Hut sein, wenn man Hamburg als Besucher nicht verpassen will. Einen Hauch der Seele dieser Stadt spürt, wer vom Wege abkommt – wer in das Kleingedruckte stolpert. Zwischen die großen Schlagzeilen. Hinein! Folgen Sie mir zu unmöglichen Zeiten an unwirtliche Orte, um mein Hamburg zu suchen.

Steigen Sie an einem sehr kalten Sonntagmorgen sehr früh in Langenhorn-Markt aus der U-Bahn. Unter dem blauen Himmel läuten in der Ferne Kirchenglocken. Die raureifen Straßen sind frei. Nur ein Bus ohne Passagiere fährt ins Nirgendwo. Der Atem kondensiert still zu weißen Wölkchen. Machen Sie sich auf den Weg, schlendern Sie an den schlafenden Reihenhäusern vorbei und suchen Sie einen Sportplatz in der Nähe. Es muss ein hart gefrorener Grandplatz sein. Kein Rasen. Und dann schauen Sie mit ein paar anderen Kiebitzen der zweiten Herrenmannschaft beim 0:1 gegen Poppenbüttel zu.

Jeder Zuschauer hat seinen Stammplatz. Seit Jahren. Wir sehen praktische, warme Jacken in gedeckten Farben. An einem „langen Samstag“ bei P&C in der Mönckebergstraße gekauft. Kaum Mützen. Der Kopf muss klar bleiben. Auch sehr frische Luft kann niemals schaden. Alles etwas penibel, aber piekfein. Wir hören freundliche Frotzeleien, nur wenige gedämpfte Gespräche. Viel Schweigen. Hände stecken tief in den Taschen. „Den musst du haben, min Jung“, lautet der gemurmelte Kommentar zum ärgerlichen Gegentreffer, bei dem der eigene Torhüter nicht so richtig gut aussah. Ein paar sparsame Lacher. Hinterher gibt es im etwas klammen Vereinsheim ein kleines Bier zum Aufwärmen und dann geht’s an den heimischen Mittagstisch in die Siedlung. Bis nächsten Sonntag. Kein langer Abschied von den Sportfreunden. Tschüß.

Zurück in die Stadt geht es per U-Bahn in Richtung St. Pauli. Zur Mittagszeit haben Sie freien Blick auf alle Einzelheiten, die abends im Licht der bunten Reklame verschwinden. Schauen Sie hinter die trüben Scheiben. Der Imbisswirt an der Talstraße fegt Pommesreste vom Tresen auf den Fußboden, auf dem Hocker an der Garderobe schläft ein Mann. Neben ihm steht auf einem schmalen Brett an der Wand ein halb getrunkenes Astra. Niemand hat etwas dagegen. Beide dürfen bleiben. In einem sehr beliebten, türkischen Dönerrestaurant wird pausenlos Tee serviert. Die jungen Gäste sitzen gemütlich auf großen Kissen an den Fenstern oder auf Holzbänken und essen sich fleischlos glücklich. Gleich um die Ecke hat sich John Lennon 1961 in der Einfahrt der Jägerpassage von seinem Hamburger Bekannten Jürgen Vollmer fotografieren lassen. Das berühmte Cover seiner Platte „Rock’n’roll“ ist viele Jahre später daraus entstanden. Nichts weist heute mehr darauf hin.

Lassen Sie sich durch die Gassen treiben. Stellen Sie sich für ein Bier an die Tresen der schmalsten, dunkelsten Kneipen. Ein paar Stufen runter, in eine andere Welt. Oft sind das die Treffpunkte der einsamen Seelen: ewig Durstige, Matrosen ohne Schiff, Weltverbesserer, denen irgendwann die Welt abhanden gekommen ist, Zecher ohne Zeche, Arbeiter ohne Arbeit, Haltlose, Suchende, Verlorene. Mit einer mütterlichen Mischung aus Herz und Strenge führt die erfahrene Tresenkraft diese verwegene Mischung durch ewige Tag- und Nachtgleichen aus zu viel Nikotin, zu viel Alkohol und zu oft erzählten Geschichten. „Ist ja nur noch wie Bauklötze spielen, unten im Hafen. Sitzen da auf ihren Kränen und drücken Knöpfe. Ist doch wahr. Machst mir noch einen, min Deern?“

Und dann geht es zur blauen Stunde an die Elbe. Nein, nicht Landungsbrücken. Veddel! Die andere Seite. Ein unüberschaubares Gewimmel aus Schuppen, Gleisen, verrotteten Kaianlagen, Parkplätzen für Container. Nur Menschen sieht man selten. Das Wasser wirkt wie flüssiges Blei, es riecht nach Diesel und Meer. Seemannsluft. Zwischen den Ritzen der Uferbefestigung bahnt sich das Unkraut seinen Weg. Ein paar alte Kräne warten wie längst vergessenes Spielzeug auf Schiffe, die hier nie wieder anlegen werden. Streifen Sie durch Straßen, die Australiakai, Afrikastraße und Am Kamerunkai heißen. Schuppen 50 ist zum Hafenmuseum ausgebaut worden. Eine bunte Versammlung von seltsam fremden Utensilien, mit denen noch vor 50 Jahren täglich gearbeitet wurde. Am Kai liegt die „Bleichen“. Ein ehemaliger Kapitän führt Besucher bis in die letzten Winkel des Frachters, der sogar mal Eisbären transportiert haben soll. Jetzt die enge Stiege zum Maschinenraum runter: „Vorsicht mit dem Kopf, Kinnings!“ Zur Belohnung gibt es später passable Bockwurst, grandiosen selbst gebackenen Kuchen und Kaffee an der „Klappe“ – eine Klappe in der Wand, aus der die wortkarge Wirtin im Winter auch mal einen gefährlich steifen Grog reicht. Eine ältere Dame nippt vorsichtig am Heißgetränk und wird gesprächig, weil ihr Mann sich „nicht so fühlt“: „Er wollte ja partout noch einen. Und nu’ ist ihm maddelig.“ Nach dem zweiten Drink ist es Zeit zu gehen. „Tschüßing! Macht das man gut.“

Zurück geht es in die Stadt. Mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof-Nord – „Zurückbleiben, bitte!“ – dann ein kurzer Weg über die Straße zum Traditionslokal Nagel an der Kirchenallee. Jeder Besucher wird so hart aber herzlich umsorgt, als wäre er gerade mit Skorbut von einer anstrengenden, zweijährigen Schiffsreise durch alle sieben Weltmeere zurückgekehrt. „Wünschen die Herren auch zu speisen?“ Rollmops. Mettwurstbrot mit Salatgarnitur. Eingelegter Brathering. Da weht dann auch mal ein rauer Wind durch die rustikale Gaststube, wenn ein Kunde ein paar Lütte zu viel hat – und eine Spur zu vorlaut wird. „Tüdelbüdel! Sieh ma’ zu, dass du Land gewinnst.“ Eine kunterbunte Mischung aus Touristen, Eingeborenen und Kellnern, die in ihrem Berufsleben alles gesehen haben, sorgt für beste Unterhaltung. Hier wird noch Krawatte mit Hamburg-Wappen getragen. „Darf ich den Herren vielleicht noch einen Weinbrand Nagel Hausmarke empfehlen?“ Kommt im ultraflachen, traditionellen Weinbrandglas. Prösterchen.

Jetzt geht es wieder ans Wasser. Auf dem Weg vom U-Bahnhof Klosterstern zur Alster liegen im schönsten Teil von Eppendorf und Harvestehude genau die weißen Villen, von denen man ein Leben lang träumt. Niemand hat Gardinen vor den Fenstern. Hier ist offenbar nichts geheim. Man lebt der restlichen Welt ungeniert sein großbürgerliches Leben vor, hat sehr viele Bücher in den endlosen, weißen Regalen, einen riesigen Esstisch für die große Familie, weiße Sofas und einen schwarzen Wagen vor der Haustür. Wer hier wohnt, wird ein Leben lang bleiben. Diese Häuser werden höchstens vererbt, niemals verkauft. Die Lebensart auch. Dahinter liegen in uneinsehbaren Gärten schicke Kanus. Direkt an den malerischen Kanälen, auf denen im Winter Schlittschuh gefahren wird und durch die gerade mal ein Alsterdampfer passt, wenn er sich schlank macht. Der Weg führt weiter über die Krugkoppelbrücke zum Leinpfad. Vielleicht die schönste Straße der Stadt. Für den ganz späten Durst oder Hunger gibt es nur einen Ort. Die Taubenstraße auf St. Pauli. Links die Tankstelle, die alles verkauft – hin und wieder auch mal Benzin. Rechts der legendäre Chinese „Man Wah“, der auch noch um vier Uhr morgens warmen Sake für wunde Mägen serviert. Dazu die Empfehlung des Hauses zum Wegknuspern: Ententatzen. „Herrlich, Heinzi!“

Erschienen in der „Welt“, am 4. 12. 2011 in der Serie Heimat

Advertisements
Kategorien:Uncategorized
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: