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Eine ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung

Es ist nur ein ganz kurzer Moment. Alle Zeiger der Uhren schieben sich entschlossen übereinander und zeigen ziemlich steil nach oben. Glocken läuten, Paare schauen sich tief in die Augen, als ob sie sich noch nie gesehen hätten. Langjährige Freunde umarmen sich, als hätten sie sich nach Jahren der Verbannung ganz plötzlich wiedergetroffen. Dabei haben sie nur Minuten vorher an einer gemeinsamen Tafel gesessen. Die lieben Nachbarn stoßen so versöhnlich und verständnisvoll mit Sekt an, als hätten sie sich noch nie etwas zu heftig über unsinnige Kleinigkeiten gestritten. Alles hört auf das Diktat des Datums. Ist das Fest, das wir an Silvester feiern, eine Banalität? Was feiern wir eigentlich an der Wasserscheide zwischen zwei Jahren?

Der Mensch liebt Nahtstellen und Kanten. Wir schauen am liebsten vom einen auf das andere. Vom ruhigen Strand auf die tobenden Wellen, von der hohen Klippe auf das tiefe Meer, von den Bergen auf das Tal, vom Café auf die Straße, vom Tisch auf die Tanzfläche, von drinnen nach draußen. An Silvester schauen wir vom alten Jahr auf das neue Jahr. Hinter uns liegen – etwas unansehnlich – all die zu Wirklichkeit geronnenen Möglichkeiten. Abgearbeitet, durchdekliniert – oder verpasst. Aber vor uns liegen die verlockenden, glitzernden, noch originalverpackten Möglichkeiten des neuen Jahres. Was für eine herrliche Aussicht!

Es soll alles besser werden in unserem Leben. Ja, es wird alles besser, ganz sicher. Aber was eigentlich genau? Ganz oben auf der Liste mit den Versprechen an sich selbst steht in diesem Land, sich in diesem Jahr weniger dem Stress des Alltags auszusetzen. Die Deutschen fühlen sich nicht so richtig gut, wenn es nach den aktuellen Umfragen geht. Eher etwas abgespannt, latent überfordert, häufig etwas kränklich, unwohl und ängstlich. Denn nach dem dringendsten Wunsch nach Stressabbau folgen gleich Vorsätze wie mehr Sport zu treiben und weniger vor dem Fernseher oder Computer zu sitzen. Wir wollen uns unbedingt wohler fühlen 2011. Mehr schlafen, weniger rauchen und viel weniger trinken. Darauf ein Glas Champagner. Morgen geht es los. Ganz bestimmt. Prost.

All die guten Vorsätze sind unsere persönliche Unabhängigkeitserklärung. Wir trauen uns etwas zu. Auch wenn wir all die Versprechen später nicht einhalten können. Das ist nicht so wichtig, denn wir spüren zum Jahreswechsel ganz deutlich, dass wir tatsächlich in der Lage sind, unser Leben zu ändern. Einfach so. An Silvester und in jedem anderen Moment unseres Lebens. Niemand muss uns helfen, wir sind Herr unserer Wege und unserer Taten und voller Kraft. In jeder Minute, jeder Sekunde.

Für unser ganz persönliches Glück gibt es kein Antragsformular. Keine Behörde, keine Fürsorge, kein Gesetz, kein Politiker kann uns helfen. Wir müssen uns selbst aufraffen, in ein Fitnessstudio zu gehen, unsere Lieblingsserie nur noch im englischen Original zu schauen oder eine Runde durch den Wald zu laufen und uns mehr um unsere Familien zu kümmern. Oder einfach mal unser ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, weil es nicht mehr so richtig zu uns passt. Das müssen wir leider selbst regeln. Unser Glück hängt nämlich nicht von den Ergebnissen unseres Lieblingsclubs, Atomtransporten, Wikileaks-Veröffentlichungen oder tiefer gelegten Bahnhöfen im Schwäbischen ab. Diese Erkenntnis schmerzt, doch in der magischen Silvesternacht haben wir uns alles aus vollem Herzen zugetraut. Erinnern Sie sich?

Und noch viel mehr. An Silvester haben wir niemanden für unser bisheriges Leben, das oft aus vielen ungesunden Kompromissen besteht, verantwortlich gemacht. Keine guten Gründe für unsere schlechten Angewohnheiten angeführt. Nur uns selbst.

Es mag etwas ernüchternd sein, vielleicht schon heute, am zweiten Tag des Jahres, zu erkennen, dass die vielen guten Vorsätze im richtigen Leben erhebliche Mühe machen. Es lässt sich nicht alles durchhalten. Die genialen Zeichentrick-Autoren der „Simpsons“ haben diese schmerzhafte Erkenntnis ihrem Charakter Homer Simpson in den Mund gelegt: „Wenn man im Leben etwas erreichen will, muss man etwas dafür tun. Darf ich um etwas Ruhe bitten? Jetzt kommen die Lottozahlen.“

Macht gar nichts, lieber Homer, liebe Leser. In der Silvesternacht feiern wir unsere Souveränität, unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung, unsere ganz persönliche Unabhängigkeit. Wir spüren ein einmaliges, optimistisches Klopfen in der Brust. Wir wissen, dass wir alles schaffen können. Das ist das herrliche Silvester-Gefühl – und dieses Gefühl sollte uns durch dieses kostbare, wundervolle, neue Jahr 2011 tragen.

Leitartikel der Welt am Sonntag vom 2. Januar 2011

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Kategorien:Uncategorized
  1. Piet
    16. Oktober 2011 um 9:53 am

    Wie wär’s mit etwas Demut statt Wut und Empörung?
    Herr Schmierchen, tagtäglich werden wir in den Medien zugedröhnt mit Nachrichten über all die Dinge in unserer Gesellschaft, welche seit langer Zeit aus dem Ruder laufen. Davon leben ja auch die Medien. Sie selbst beklagen bei den wütenden und bedrohlichen Reaktionen auf Ihren Artikel mangelnde Argumentationen?! Dann sehen Sie richtig hin und hören richtig zu, dann erkennen Sie auch die Gründe für diese Unzufriedenheit.

    Ist das die (alte) neue Masche, wenn Menschen in einem Land oder auch weltweit mit den Lebensumständen unzufrieden sind,
    sie zu dämlichen, sich nicht im Griff habenden Meckerköppen zu degradieren? Ich weiß nicht , wo Siel leben, aber ich in meinem Lebensumfeld spüre eine große veränderte Solidarität und größere Gesprächsbereitschaft mit „meinem“ Bäcker, meiner Verkäuferin. In einem Land, in dem immer mehr Menschen auf der Basis von 400,-€ + Hartz 4 leben, gleichzeitig die Arbeitslosenstatistik gefeiert wird, das alltägliche Leben immer teurer wird, die Wohlhabenden immer wohlhabender werden,- und auch der letzte „Depp“ erkennt, dass wir von vorne bis hinten von Politik und Wirtschaft verarscht werden, sprechen Sie von einbißchen mehr Demut? Wer war denn der Auftraggeber für diese Niederschrift?
    Billig und überzogen zusammengefaßt, wollen Sie damit sagen: Solange Ihr zu fressen habt, haltet die Füße still und dankt dem Staat, dass er euch atmen läst? Mann,Mann, selbstverständlich können Sie eine eigenen Meinung haben, eine andere Haltung zu bestimmten Dingen, darum geht es doch nicht, aber mit dem gewissen Privileg des in einer Tageszeitung einstellenden Artikels hat man auch ein Werkzeug in der Hand, mit dem man gut umgehen sollte. Der heutige Artikel kommt ja auch eher belehrend und altklug daher.
    Ich bin nicht der Auffassung, dass man nach mehr oder weniger erfolgreich absolviertem Journalismusstudium davon ausgehen kann, die eine Wahrheit (die es nicht gibt) gepachtet zu haben. Genau an dieser Stelle ist doch Demut angebracht. Und Bescheidenheit macht den Kopf frei für ein breitgefächertes Denken. So dämlich ist das Präkariat nicht, wie man es versucht, seit Jahrzehnten zu verblöden. Da nützt es auch nicht, es mit solch reduzierenden Begriffen wie „Wutbürger“ zu betitulieren.
    Mit freundlichen Grüßen.

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