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November in Steglitz

16. November 2010 1 Kommentar

Die Straßen in Steglitz sind feucht vom November. Die Autobahnauffahrt saugt gierig die monströse Autoschlange auf, um sie an den Ausfahrten nahe dem Berliner Zentrum angewidert wieder auszuspucken. Unter dem Gewimmel der optimistischen Straßenkonstruktion aus den 70er-Jahren, im ewigen Halbdunkel, hält sich seit Jahren eine Kaffeestube. Ohne tiefe Ohrensessel, ohne Latte, ohne Macchiato.

Die Warmhaltekannen brutzeln hinter dem Tresen, dazu werden Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln und Zigaretten gereicht. Mit dem gütigen Gesichtsausdruck einer mütterlichen Krankenschwester versorgt die Tresenkraft ihre schweigende Kunden mit Koffein. Eine hochwirksame Medizin, mit der dann in freundlicher Zusammenarbeit mit Nikotin still und konzentriert der Wochenanfangsblues aus den Klamotten geschlürft wird.

Hier versammeln sich Menschen, die Dinge erledigen. Die Männer von der Stadtreinigung bringen den Müll um die Ecke. Die Briefträger den Brief. Der Verkäufer aus dem Zeitschriftenladen von gegenüber hält mit seinem bunten Bauchladen von Dienstleistungen die Nachbarschaft zusammen. Die Hausfrau mit ihren prall gefüllten Einkaufstüten versorgt die Familie mit Nahrung und Verlässlichkeit. Das Wendland und die Castoren sind so weit weg wie das Sonnensystem Gliese 581. Die Talkshow von Anne Will am Vorabend hat auch niemand gesehen.

Dann flattert eine Gruppe von Schülern aufgeregt in den Imbiss. Wie ein Schwarm angriffslustiger Möwen versorgt man sich mit Schokoriegeln, Cola und Pommes. Der Briefträger verdreht die Augen. Die ersten beiden Stunden am Montag sind mal wieder ausgefallen. Die Turnhalle ist gesperrt, weil das Licht nicht funktioniert. Wo ist die Bildungsoffensive, wenn man sie braucht?

Zwischen dem reißenden Strom auf den Straßen, den Wirrungen und Irrungen der unübersichtlichen Stadt, den Thesen, Büchern, Talkshows, Agenturmeldungen, Interviews, Stellungnahmen, Fußnoten, Kommentaren, Tweets, Debatten und Einlassungen befindet sich hier die letzte Oase der Unentschiedenheit. Niemand will glänzen, Wählerstimmen sammeln, punkten, etwas verkaufen, das Publikum ansprechen, siegen um jeden Preis. Immer wieder verblüffend. Ich zahle 1,10 Euro für diese unbezahlbaren Minuten und mache mich furchtlos auf den Weg in das Zentrum des ganzen Wahnsinns.